CBF Hessen warnt vor Schnellschüssen in der Wehrdienstdebatte

Wohin führt der Weg des Wehr- und Zivildienstes in Deutschland?
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Recki54 / pixelio.de)
Sachliche
Diskussion um die Zukunft des Wehr- und Zivildienstes gefordert
Dreieich/Wiesbaden,
12. August 2010 - Der CBF Hessen ruft zu einer sachlichen Diskussion um
die Zukunft des Wehr- und Zivildienstes auf. Die im Rahmen der Sparklausur
angestoßene Debatte ist wehrpolitisch zwar überfällig, doch
sie darf nicht dazu führen, dass das Pflege- und Sozialsystem in Deutschland
ins Wanken gerät. "Bundesweit werden im kommenden Jahr rund 90.000
Zivildienststellen benötigt", betont Tom Korb, Vorstandssprecher
des CBF Hessen. "Zwar führt die neuerliche Verkürzung der
Dienstzeit ab dem 1. August bereits zu einer Verknappung der Zivildienststellen.
Ein überhasteter Ausstieg aus der Wehrpflicht hätte jedoch einschneidende
Folgen für das Pflege- und Sozialsystem", warnt Korb.
"Zivildienstleistende bilden nach wie vor das Rückgrat der sozialen
Dienste in Deutschland. Selbst nach der erneuten Verkürzung der Dienstzeit
auf sechs Monate darf nicht außer Acht gelassen werden, welche wichtigen
Aufgaben Zivildienstleistende in der Praxis Tag für Tag erfüllen",
erklärt Korb. Bei den Mitgliedsvereinen des CBF Hessen werden "Zivis"
u.a. in der ambulanten Assistenz, in den Fahrdiensten sowie als Schulbegleiter
eingesetzt.
"Die CBF-Bewegung hätte ohne Zivildienstleistende nur schwer den
Schritt in professionelle Strukturen geschafft", erinnert Korb an die
Entstehungsgeschichte der Clubs Behinderter und Ihrer Freunde. "Ihre
Bedeutung reicht weit über die geleisteten Arbeitsstunden hinaus. Oft
kommen junge Menschen im Zivildienst erstmals mit dem Thema Behinderung
in Kontakt und lassen sich von den Zielen und Aufgaben der Selbsthilfe begeistern.
Nicht selten entschließen sich Zivildienstleistende im Anschluss sogar
zu einer beruflichen Laufbahn im sozialen Bereich", weiß Korb.
Das oft genannte Argument, der Wehrdienst sorge für eine Verzahnung
der Bundeswehr mit der Zivilgesellschaft, lässt sich somit auch auf
den Ersatzdienst beziehen. Der CBF Hessen befürchtet daher, mit der
dauerhaften Aussetzung des Zivildienstes könnte ein schleichender Ansehensverlust
sozialer Infrastrukturen im gesellschaftlichen Konsens einhergehen.
Auch aus wirtschaftlicher Sicht hätte ein Ausstieg aus der Wehrpflicht
schwerwiegende Folgen für die Kommunen. Zur Aufrechterhaltung der heutigen
Strukturen müssten kurzfristig zehntausende neue sozialversicherte
Arbeitsplätze geschaffen werden. "Die Aussetzung der Wehrpflicht
wäre dann eine historische Chance für die Pflege- und Assistenzberufe,
wenn das Zivildienstbudget in Höhe von rund 1,4 Milliarden Euro auf
den Pflegesektor umgeschichtet werden würde. Bedauerlicherweise ist
dieser Vorschlag jedoch nicht Inhalt der Spardebatte. Sollte der Wehrdienst
ohne eine finanzielle Mehrausstattung der Kommunen ausgesetzt werden, dürften
zahlreiche Kämmerer um den Schlaf gebracht werden", befürchtet
Korb. Mittelfristig sei dann davon auszugehen, dass die Kostenträger
verstärkt auf die Inanspruchnahme von stationären Leistungen drängen.
"Bevor die Politik vorschnell handelt und ein seit über 40 Jahren
etabliertes und gewachsenes System in Frage stellt, muss intensiv über
mögliche Alternativen und ihre Finanzierung nachgedacht werden."
Eine Möglichkeit, kurzfristig den Bedarf an Pflege- und Assistenzkräften
in Teilen zu decken, sieht der CBF Hessen im Ausbau freiwilliger Strukturen
durch die Schaffung weiterer Jahrespraktikumsstellen. "Die Nachfrage
nach FSJ-Stellen nimmt bei den Mitgliedsclubs des CBF Hessen seit Jahren
zu. Es wäre wünschenswert, das vorhandene FSJ-Kontingent weiter
aufzustocken und an Schulen, Arbeitsagenturen und Universitäten für
das Freiwillige Soziale Jahr offensiv zu werben", schlägt Korb
vor. Auch das Angebot von trägerunabhängigen freien, sozialen
Jahrespraktika seien denkbar, um den Bedarf kurzfristig zu decken.
"Langfristig müssen wir über den Tellerrand hinaus schauen
und die demoskopische Bevölkerungsentwicklung in die Ideengestaltung
einbeziehen. Selbst bei einer Aufrechterhaltung des Wehrdienstes wird der
bundesweite Personalbedarf in den nächsten Jahren kaum noch gedeckt
werden können", erklärt Tom Korb abschließend. Der
CBF Hessen wirbt daher für eine umfassende Reform der Wehrpflicht,
hin zu einem sozialen Pflichtjahr für alle Frauen und Männer bis
30 Jahren.
