Die letzten Barrieren sollen fallen - Staatsminister Stefan Grüttner besucht CBF Hessen


Barrierefreie Baustelle: Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (links) lässt sich von Uwe Börner (Mitte) und Georg Storck das Haus des Behindertenverbands CBF in der Pallaswiesenstraße zeigen – auch das Dachgeschoss, das zum Versammlungsraum ausgebaut wird. (Foto: Claus Völker)

Behinderte pochen auf Teilhabe von Anfang an - Schub durch UN-Konvention (Quelle: Darmstädter Echo am 12. Januar 2011)

Darmstadt, 12. Januar 2011 - Der Gast aus Frankfurt brachte es auf den Punkt. „Es ist nicht sinnvoll, Menschen mit Behinderungen aus der Gesellschaft auszugliedern“, sagte Harald Reutershahn, „und dann später durch Eingliederungshilfen - bei denen die Erfahrung zeigt, dass sie zumeist nicht funktionieren - zu versuchen, sie wieder hineinzubringen.“ Der Club Behinderter und ihrer Freunde (CBF), dessen Landesvorstand der Frankfurter Reutershahn angehört, empfing gestern in seinem Haus an der Darmstädter Pallaswiesenstraße Besuch aus Wiesbaden: Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) war gekommen, um mit Vertretern des seit 40 Jahren bestehenden Verbands über Wege zur vollen Teilhabe der Behinderten am gesellschaftlichen Leben zu diskutieren.

Die Ausgangsthese war dabei gar nicht mehr strittig: Jede Form von Ausgrenzung Behinderter muss beseitigt werden. Wie schnell das gehen kann, darüber gingen die Ansichten auseinander. Im Gespräch zeigte sich, dass Betroffene nach jahrzehntelangem Kampf um ihre Rechte nur noch wenig Geduld haben.

Einen entscheidenden Schub hat die Sache der Behinderten durch die Verabschiedung der Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen im Dezember 2006 erfahren. Sie soll Behinderten weltweit gleichberechtigten Schutz der Grundfreiheiten und Menschenrechte garantieren. Ein Schlüsselwort heißt Inklusion - Einbeziehung und Teilhabe, beginnend im frühen Kindesalter. Gemeinsamer Schulbesuch mit Nichtbehinderten soll ebenso selbstverständlich werden wie Zusammenarbeit am Arbeitsplatz. 2008 wurde die Konvention vom Bundestag in deutsches Recht übertragen.

„Wir sind sehr froh über diese Konvention“, sagte Georg Storck, Vorstandsmitglied des CBF Darmstadt. „40 Jahre lang haben wir die Erfahrung gemacht, dass uns zwar viel versprochen wurde, sich aber tatsächlich wenig geändert hat.“ Vom Minister erbat sich Storck „konkrete Vorschläge, wie die Landesregierung mit uns zusammen die UNO-Konvention umsetzen will“. An „Alibi-Veranstaltungen“ sei man nicht interessiert.

„Unser Ziel ist Inklusion von Anfang an“, versicherte Grüttner. Die Philosophie der Behindertenpolitik habe sich gewandelt - vom Fürsorge- und Versorgungsdenken hin zu mehr Selbstbestimmung und Teilhabe. Der Minister, der von den Behindertenvertretern wiederholt als CDU-Vertreter angesprochen wurde, verzichtete auf parteipolitische Untertöne und bezog in seine Auflistung behindertenpolitischer Fortschritte in Hessen auch die Zeiten von SPD-Ministerpräsidenten mit ein. So sei die Eingliederung behinderter Kinder in Kindergärten seit vielen Jahren eine Selbstverständlichkeit - die entsprechende Lebenserfahrung auch für nichtbehinderte Kinder wirke fort. Beim Übergang in die Schule aber, das räumte Grüttner ein, ist es bislang oft vorbei mit der Inklusion.

Abhilfe soll ein Aktionsplan zur Umsetzung der UNO-Konvention in Hessen schaffen. Bei dessen Erarbeitung würden Menschen mit Behinderung in vollem Umfang einbezogen, versicherte der Sozialminister. Hessen habe als erstes Bundesland eine Stabsstelle nur zur Umsetzung der Konvention gegründet. Eine Diskussion entzündete sich an einem anderen Posten bei der Landesregierung: dem Beauftragten für Menschen mit Behinderungen. CBF-Vertreter kritisierten den Landesbeauftragten Friedel Rinn als schlechten Interessenvertreter, der zudem bei verschiedenen Gelegenheiten Desinteresse an der Mitwirkung von Betroffenen gezeigt habe.

CBF-Geschäftsführer Alexander Cieslawski lobte hingegen ausdrücklich verstärkte Aktivitäten der Landesregierung in der Behindertenpolitik seit dem Abgang von Ministerpräsident Roland Koch. Diesem hatte der Verband Untätigkeit vorgeworfen. Der CBF habe den neuen Ministerpräsidenten Volker Bouffier angeschrieben und umgehend eine ausführliche Antwort erhalten; binnen kurzer Zeit sei der Termin mit dem zuständigen Sozialminister zu Stande gekommen, sagte Cieslawski.

Der Minister sagte bei dem Treffen zu, zwei weitere Anliegen des CBF im Ministerium prüfen zu lassen: Bessere Altersversorgung für Pflegekräfte, die vielfach von Armut bedroht seien, sowie Information der kommuna-len Bauaufsichtsbehörden über gesetzliche Vorschriften zum barrierefreien Bauen - hier wurden Defizite in Darmstadt beklagt, etwa am Luisenplatz und im Jugendstilbad (im Dezember Thema der ECHO-Leserimpulse).

(Der Artikel auf www.echo-online.de)

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Laut dem Statistischen Landesamt in Wiesbaden leben über 500.000 Menschen mit Behinderung in Hessen. Zusammen mit ihren Freunden und Angehörigen stellen Behinderte somit faktisch 40 Prozent der Bevölkerung in diesem Bundesland dar. Der CBF Hessen ist die Landesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und Ihrer Freunde (CBF) und vertritt die Interessen von über tausend Mitgliedern aus den Clubs in Darmstadt, Dieburg, Dreieich und Frankfurt. (weiter)

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